22. Juli: Das „verlorene“ Jahr

Ich setze mich um. Freiwillig. Von Reihe 9 in die Reihe 23. Das Flugzeug der Eurowings, ein Airbus A320 ist zu Zwei-Drittel gefüllt. Und da in den hinteren Reihen die Leere gähnt, muss ausgeglichen werden. Das habe Sicherheitsgründe, sagt der Purser. Fünf Passagiere erhalten neue Plätze, mit höflicher Aufforderung, ja, geübt sanftem Druck. Bevor die Aktion nicht abgeschlossen ist, darf der Flieger nämlich nicht starten. Nun habe ich eine ganze Reihe für mich. Entspannung. Wieder ein bisschen mehr Schutz, denn wer weiß schon genau, wer hier vielleicht doch …? Die Paranoia lauert überall.

Was bleibt von dieser Woche? Ich denk noch drüber nach.

„Ich glaube nicht an Corona“, sagt der Mitarbeiter von Aena, der eine Stunde zuvor im Terminal zwei leere Sitzbänke gerade rückt (Aena ist die Servicegesellschaft für die spanischen Flughäfen, bei der das WLAN nie richtig funktioniert). Wir reden kurz, denn ich bin der Einzige, der hier sitzt. „Das ist alles ein Desaster“, sagt der schick in Uniform gekleidete Spanier, „…und wir werden es im Herbst erst richtig merken.“. Er macht abwehrende Handbewegungen und fragt mich, wohin ich fliege. „Hamburg“, sage ich wahrheitsgemäß. „Ach, Ihr Deutschen. Ihr habt es ja im Griff. Bei uns wird das alles eine ‚neverending Story‘. Bleib gesund, Compagñero.”. Asta próxima …

Im Terminal sind nur ein paar kleine Geschäfte offen, der große Duty Free, die Burgerking-Filiale – alles verschlossen. Automaten bieten Getränke für 1,50 Euro an. Das sind 50 Prozent weniger, als zur gleichen Zeit 2019.

Ich muss zum Flughafen und beeile mich (wiederum zwei Stunden früher) wie immer. Der Mietwagen muss noch abgegeben werden. Das Wieder-Voll-Tanken kann erfahrungsgemäß lange dauern, denn das Tanken in Spanien ist diebstahlsicher. Erst an die Säule fahren, dann in den Shop gehen, ansagen, für welchen Betrag man tanken will (oder eine Kreditkarte hinterlegen), dann tanken und nach dem Vorgang nochmal in den Shop gehen, um abzurechnen. An Abreisetagen steht schon mal gern ein Dutzend Mietwagen in Schlange vor der Tankstelle, die den besten Preis verspricht. Heute nicht. Die Prozedur ist in 5 Minuten erledigt.

Das Restaurant am Pool des Hotels Cenit bietet fantastische Aussichten und gutes Essen.
Sundowner inklusive.

Der Weg vom und zum Flughafen auf Ibiza führt vorbei an Dutzenden riesigen Werbetafeln. Sie verkünden, welcher Star-DJ zu welcher Party in die großen Diskotheken und Partyhotels „lädt“. Das Geschäft ist in normalen Jahren heftig und voller Konkurrenz, denn das Klientel ist wählerisch. 2020 gibt es kein Geschäft. Die Werbewände verkünden die Party-Reihen – aus 2019. Ich frage mich: Gibt es dieses Jahr gar nicht? Leben wir in einem Zeitloch?

Gut gegessen noch vor dem Flug im „El Príncipe“ am Strand von Figueretas.

Peter, der blonde Schwede und Barchef aus der Altstadt, schliesst das WLAN-Passwort für liebe Gäste immer mit einer Zahl ab – der aktuellen Jahreszahl. Ich frage ihn am Abend vor meiner Abreise beim Bier, warum das denn mit „…2020“ nicht funktioniert. Er lächelt. „Nimm 2021“, sagt er, „…das geht.“

Weil ich mich freiwillig ans Ende des Fliegers gesetzt habe, bekomme ich Wasser und Kaffee „aufs Haus“ (Sechs Euro immerhin gespart). Der Purser dankt nochmal. Das sei nicht selbstverständlich, sagt er. Schließlich hätte ich ja mehr Beinfreiheit vorn „gebucht“. Wusste ich gar nicht mehr.

Was bleibt also von dieser ungewöhnlichen Woche mit der Maskerade und der Stille? Ich denke noch ein wenig darüber nach. Für einen letzten Blogeintrag morgen – vielleicht.

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